Liebe Tanja
Dein Herz ist schwer, sehr schwer. Im Moment kommen verschiedene Themen zum Vorschein, die du nicht einfach unter den Tisch kehren kannst. Gerne würdest du es tun, doch wie du selbst merkst, gelingt dir das nicht.
Wie ist es, einem Menschen fast täglich zu begegnen, von dem du weisst – ausgesprochen oder unausgesprochen –, welche Gefühle er dir gegenüber hegt? Es ist nicht einfach. Du spürst seine Ablehnung, seine Wut und die Schwierigkeiten, die er mit deiner Person hat. Deine Art, wie du bist und dich gibst, scheint etwas in ihm auszulösen, das ihn immer wieder an seine Grenzen bringt.
Die Gefühle, die er in sich trägt, sind gross. Es sind Verletzungen, ungelöste Konflikte und vielleicht auch Erfahrungen aus seiner Vergangenheit, die bis heute in ihm wirken. Vieles davon versucht er zu unterdrücken, manches vielleicht auch mit Alkohol zu betäuben. Doch was nicht verarbeitet wird, verschwindet nicht einfach. Es kommt immer wieder zum Vorschein – und in deiner Gegenwart scheint sich diese Dynamik zu verstärken.
Du siehst es in seinen Augen, du spürst die Spannung und ahnst, was er dir am liebsten sagen würde. Du nimmst wahr, wie viel Unausgesprochenes zwischen euch steht. Und doch ist es nicht gelungen, die Dinge direkt miteinander zu klären. Stattdessen wurden seine Gefühle einer anderen Person gegenüber ausgesprochen, ohne dass das Gesagte wirklich bei dir angekommen ist.
In deinem Herzen aber spürst du, dass da vieles ist, das nicht ausgesprochen wurde. Du kannst nicht verstehen, weshalb man es nicht wagt, die Dinge anzuschauen und einen Weg zu finden, damit umzugehen. Weshalb ist es so schwierig, den eigenen Emotionen Raum zu geben, sie anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen?
Liebe Tanja, eines darfst du dir immer wieder bewusst machen: Du bist nicht verantwortlich für die ungelösten Themen eines anderen Menschen. Du kannst seine Gefühle weder für ihn aufarbeiten noch ihm den Weg abnehmen, den er selbst gehen müsste.
Vielleicht bist du für ihn ein Spiegel. Nicht, weil du etwas falsch machst, sondern weil deine Persönlichkeit, deine Art und dein Wesen etwas in ihm berühren, das er selbst noch nicht anschauen kann. In diesen Spiegel zu blicken, ist nicht immer angenehm. Manchmal zeigt er uns genau das, wovor wir am liebsten die Augen verschliessen würden.
Sende diesem Menschen in deinem Herzen Liebe. Nicht, weil du sein Verhalten gutheissen oder alles hinnehmen musst, sondern weil du dich nicht von seiner Wut bestimmen lassen möchtest. Sein Schmerz gehört ihm, seine Vergangenheit gehört ihm und auch die Entscheidung, wie er damit umgeht, liegt bei ihm.
Du darfst Mitgefühl haben und gleichzeitig deine Grenzen wahren. Du darfst Frieden in dir finden, auch wenn der andere noch nicht bereit ist, seinen eigenen Frieden zu suchen. Und du darfst darauf vertrauen, dass du nicht jede Situation lösen musst, um deinen eigenen Weg weiterzugehen.
Es ist eine Herausforderung, liebe Tanja. Aber vielleicht liegt darin auch eine Chance, noch mehr bei dir selbst anzukommen, deine innere Stärke zu entdecken und dich nicht länger von den ungelösten Gefühlen anderer Menschen verunsichern zu lassen.
Und wer weiss, vielleicht möchte auch dein Gegenüber stark sein. Vielleicht weiss er nur noch nicht, wie er mit dem umgehen soll, was in ihm vorgeht. Unterschätze niemals, wie viel Schmerz sich hinter Wut verbergen kann.
Bleibe bei dir, liebe Tanja. Du musst nicht alles verstehen und nicht alles verändern. Manchmal beginnt der eigene Frieden genau dort, wo wir aufhören, die Verantwortung für andere zu übernehmen.
Herzlichst, deine Lieben von oben – immer für dich da.

